Perspektiven ist ein Gemeinschaftsprojekt. Es geht um Momentaufnahmen. Das subjektive Auffangen eines Augenblicks. Und es geht darum, Kunst daraus zu schaffen.


Am Strand

Das Meer ist unfassbar. Buchstäblich. Eine Instanz von so immenser Größe; so elementarer Macht; voller Geheimnisse, leuchtender wie düsterer; die Wiege einer solch ehrlichen Schönheit, dass wir Menschen all das in seinem vollen Umfang niemals werden begreifen können. Ein einzelner Mensch erst recht nicht.

Ich bin ein solches Individuum und ich sitze am Strand. Vor mir entfaltet sich der atlantische Ozean, ein riesiger tiefblauer, funkelnder Teppich, begrenzt von der dünnen Linie, an der sich der Himmel mit seinen weißen Wolken und das weite Meer küssen, ganz weit dort draußen. Wie kann all das, was ich hier sehe, lediglich ein winziger Ausschnitt dieses unergründlich gigantischen Weltmeeres sein, wie ein Sandkorn nur ein unendlich kleiner Teil des Strandes ist, auf dem ich mich ausgebreitet habe? 

Fasziniert lasse ich meinen Blick schweifen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie viel Salzwasser, aufgeladen mit den Sehnsüchten, Träumen und Projektionen von Millionen Menschen, dieser gigantische Ozean wohl fassen mag und scheitere. Es ist eines dieser Dinge, die der menschliche Verstand nicht begreifen kann, wie sehr er es auch versucht. Es ist vergleichbar mit Entfernungen im Universum: Selbst wenn ich die exakte Zahl kennen würde, ich könnte sie nicht verstehen. Die Wahrheit wird im Dunklen bleiben.

Ich sehe eine Möwe, sie fliegt ganz allein über den Wellen. Endlich erkenne ich ihre Anmut. Ob sie wohl einsam ist?

Irgendwo dort vor mir, unerreichbar weit weg, liegt Afrika. Amerika. Mir wird der Irrwitz dahinter bewusst. 2 Wörter, hinter denen sich Milliarden Entdeckungen, Gerüche, Schicksale, Erinnerungen und Hoffnungen verbergen, unbegreiflich viele Lebewesen, unendliche Realitäten. Hier sitzend verstehe ich nun, dass diese Worte leer sind. Sie sind so voll, so aufgeladen, dass sie schon seit langer Zeit bedeutungslos sind. Sechs, sieben Buchstaben, wie soll das genug sein?

Da ist die Möwe wieder. Ist es überhaupt die von vorhin?

In der für atlantische Verhältnisse sanften Brandung dümpelt mir ein Holzbrett entgegen. Rostige Nägel starren mich an wie zerfressene Zähne. Treibholz ist etwas unglaublich Tiefgründiges, aber nur wenige verstehen das. Voller Geschichten ist es, Geschichten aus vergangenen Zeiten und von fernen Orten, die ich niemals in meinem Leben sehen werde, deren Namen ich nicht einmal jemals aussprechen werde. Doch das Treibholz schweigt. Niemand ist geübter im Bewahren von Geheimnissen. 

Ich wende meinen Blick ab und sehe mich um, merke, dass ich alles um mich herum für einige Minuten vergessen hatte. Hier und da sitzen andere Leute, alleine oder in kleinen Gruppen, im Gespräch oder in Gedanken. Was macht der Anblick wohl mit ihnen? Was denken und fühlen sie? Würden sie mich verstehen? 

Meine Finger fahren vorsichtig durch den Sand, er ist kühl und feucht. Wie verdammt mächtig ist dieses Meer! Es hat diese einst massiven Steine und Felsen klein und weich gerieben. Mich umgeben unsagbar viele klitzekleine Zeugen der Vergangenheit und Zeugen der Macht. Eine wahrhaftige Macht, anders als jene, nach der die Menschen zu Streben neigen. Meine Finger ertasten etwas, ich ziehe es heraus, vorsichtig, eine wunderschöne Jakobsmuschel. Sie ist anders als die meisten. Bläulich. Geschliert. Wie lange sie wohl tot ist? Wo sie wohl lebte? Wie mag sie gestorben sein? War sie glücklich? Ich stecke sie ein, die schöne Muschel.

Über mir kreischt eine Möwe. Wenn sie nur wüsste…

Das verwitterte Brett liegt jetzt sicher oberhalb der Wasserlinie. Die Nägel stecken im Sand. Was mögen sie wohl einst festgehalten haben? Und was geschah wohl dann?

Ich blicke wieder hinaus auf die wogenden Weiten. Ich weiß dass der Ozean nicht unendlich ist, doch die Vorstellung gefällt mir. Wundern würde es mich jedenfalls nicht. Ich sehe dorthin, wo die Wellen auf den Strand branden, bewundere, wie sie anmutig brechen, schäumen, wirbeln. Mein Blick schweift zurück zum Horizont. 

Und irgendwie, ohne zu wissen warum, nur ein wenig, aber dennoch merklich, spüre ich eine unbestimmte Traurigkeit in mir aufsteigen.

Birger Stepputtis, 6.1.23/9.1.23. Albufeira, Portugal

Auf dem Berg

Ich sitze in einer Ruine auf einem Berg. Etwas Christliches scheint sie zu sein, gewesen zu sein, einst aufgeblüht, bald zugrunde gegangen. Heute ein Mahnmal. Oder weniger. 

Hinter mir erstrecken sich teils schroffe, teils sanft windende Berge, bewachsene Felsen, stufenhaft abfallend zum Ozean. Wie eine blaue, verwehte Ebene läuft der Atlantik in die Ferne, weiß schäumend und mächtig wie immer. Der Horizont ist nicht zu sehen. Er verschwindet im Dunst. 

Nach vorne hin der Blick auf die Städte, erbaut vor hunderten Jahren an einer Flussmündung. Spielzeugwunderland. Dahinter mächtige Berge, die die Wolken aufspießen. 

Diese Aussicht allerdings, im Moment bleibt sie mir verwehrt. Denn ich hocke in der halbverfallenen Kapelle. Um mich singt der Wind, heult und klagt. Selten erlebte ich ihn so stark, so fröstelnd. So durchdringend. Kein Wort kann es besser beschreiben. Er durchsiebt die Kleidung. Und die Haut. Bis auf die Knochen. So fühlt es sich an. 

Doch die Ruine, seit wer weiß wie langer Zeit ohne Dach, bietet Schutz.

Ich stecke meinen Kopf aus der Tür. Meine zerzausten Haare fliegen durch die Luft. Den Hut musste ich abnehmen. Zu gefährlich. Ich beobachte. Verkrieche mich wieder. Schreibe auf. Schaue raus. Beobachte. Schreibe.

Ich blicke zu den Siedlungen hinab. Sehe die Flussmündung. Heute ist sie mehr als nur das. Hier treffen zwei Staaten aufeinander. Der Fluss ist eine Staatsgrenze. Wie bedeutend. Doch sonderlich bedeutend wirkt es von hier oben keineswegs.

Nicht weit vor mir liegt ein Parkplatz, dahinter schlängelt eine Straße den Berg weiter hinauf. Ein einsames Auto steht hier und wartet. Worauf es wohl wartet. Wo es wohl heute Abend sein mag? 

Ich stelle mir gottesfürchtige, spanische Katholiken vor, wie sie einst diese Steine aufgeschichtet haben. Wie sie diesen Ort weihten. Wie sie inmitten der Stürme das Gebet angestimmt haben mochten. Ich blicke umher. Wie weit weg das doch alles ist.

Die Straße lacht gehässig. Der Parkplatz macht einen schlechten Witz. Wie deplaziert sie doch sind. 

Ein weiterer Wagen, silbern, glänzend im Licht der geschwächten Sonne, steht jetzt hier. In meiner Festung habe ich ihn nicht kommen sehen. Ein Kommenhören hat der Sturm verhindert. Ein Mann macht Fotos. 

Ich sehe wieder auf die Städte hinab. Nichts deutet auf Grenzen hin. Was sind Grenzen denn überhaupt? Ein Hirngespinst? Von hier oben muss es fast so scheinen. 

Der Mann ist weg. Mit ihm das Auto. Der Wind ist geblieben.

Im Tal, diese Ansammlung tausender Häuser, Straßen, Brücken, Strukturen, Leben und Geschichten, von hier wirkt sie bedeutungslos. Welchen Sinn hat das alles? Was ist die Stadt gegen die Bergkette am Horizont?

Ich seufze. Meine Freunde warten. Wir wollen weiterwandern. Zurück in die Belanglosigkeit.

Birger Stepputtis, 14./15.3.2023. Jaizkibel, Spanien