Inmitten eines im Wind wiegenden Teppichs aus Gräsern, wilder Apfelminze und den Blumen des Frühlings stehen zwei gefallene Wohnhäuser, grauer Stein, tote Fenster. Umsäumt werden sie, versprenkelt, fast wie ungeschickt in die Landschaft gestoßen, von einigen verfallenen Stallungen und Scheunen; eine Backstube mit gemauertem Ofen schmiegt sich bereits an den Rand des nahen Waldes. Gierige Brombeeren erwürgen modernde Balken.
Eines der beiden Häuser, das kleinere, ist in seiner Grundkonstruktion noch gut erhalten, wenngleich die lange Periode der Verwahrlosung ihm unübersehbar zugesetzt hat. Eine morsche Treppe führt noch in die obere Etage, in der ein paar wenige Holzmöbel vergammeln; in der Mitte des Zwischenbodens und dem Dach darüber klafft ein mächtiges Loch.
Das größere Gebäude hingegen ist nichts als eine Ansammlung von Mauern, die einen Berg aus Schutt umschließen. Einst mag es imposant gewesen sein, mindestens aber stattlich; heute entsteht in seiner Betrachtung nur noch ein schwaches Gefühl stiller Romantik und unwissender Traurigkeit. Ein mächtiger Holunderbaum erhebt sich mitten aus den zwecklosen Mauern und verhöhnt das schon lange kollabierte Dach. Die ersten Dolden stehen kurz davor, sich den gierigen Insekten zu öffnen, bald wird der ganze Baum weiß in die Landschaft strahlen.
Sogar seinen Namen hat die kleine Siedlung in letzter Konsequenz verloren. Wie auch immer seine Bewohner dieses Fleckchen einst genannt haben mochten: Selbst den letzten Beweis einst besserer Zeiten verhehlt die unerbittliche Vergangenheit.
Jahrzehnte sind seit dem Tag des Aufbruchs verstrichen; dem Tag, da sich ein paar Seelen aufgemacht haben, neues Glück zu suchen. Viele Male haben die giftigen Fingerhüte sich seitdem pink-gesprenkelt gen Himmel gereckt, genauso oft sind sie verblüht, haben braun und unansehnlich dem Herbst Platz gemacht. Tausend Mal hat sich die Sonne, mäandernd im Rhythmus des Jahres, über die Wälder und Wiesen erhoben, tausend Mal striff sie durch die größer werdenden Löcher der Dächer, tausend Mal ist sie wieder versunken; und als sie damit fertig war, fing sie von Neuem an. Tausend weitere Tage. Und tausend danach.
In der Ferne steigt die Sonne über den Bergen empor, wirft erste vorsichtige Strahlen auf die sterbenden Bauwerke, die ohne jede Erwartung da liegen. Der Hoffnung schon lange entsagt fügen sie sich ihrem Schicksal. Jeden Tag und heute.
Am Himmel stehen riesige weiße Wolkenballen. Sie sind frei, ziehen dahin; Kinder des Atlantiks überblicken sie die Weite Galiciens, flüchtige Blicke nach Portugal erhaschend; sie sind frei und werden weiter ziehen und sie werden wütend werden und sie werden sich aufs Land ergießen; vielleicht in Oviedo, vielleicht über dem Golf von Biskaya, vielleicht auch erst in Frankreich. Vielleicht irgendwo anders oder nie. Vielleicht wird der Wind sie zerreißen und zerstäuben und Teile ebendieser Wolkenberge wird es nach Afrika verschlagen oder über das arktische Packeis.
Das namenlose Dorf, über dem die von der morgenfrischen Sonne glühend beschienenen Wolken stehen in ihrer scheinheiligen Schönheit, ist stattdessen eine Gefangene. Wenn es noch auf etwas hofft, dann auf Versöhnung.
Ein neuer Morgen.
Ein neuer Tag, den das Dorf ohne Namen seinem endgültigen Zerfall entgegenstrebt.
Der Wind streichelt fordernd die Spitzen der Halme.
Ein neuer Morgen.
Ein neuer Tag, den das Dorf ohne Namen seinem endgültigen Zerfall entgegenstrebt.
Lockend steht der süße Duft der Holunderblüten im Schatten der Mauern.
Ein neuer Morgen.
Ein neuer Tag, den das Dorf ohne Namen seinem endgültigen Zerfall entgegenstrebt.
Dicke Regentropfen auf grob beschlagenem Stein.
Ein neuer Morgen.
Ein neuer Tag, den das Dorf ohne Namen seinem endgültigen Zerfall entgegenstrebt.
Mehr Regentropfen und ein ausgemachter Sturm.
Ein neuer Morgen.
Ein neuer Tag, den das Dorf ohne Namen seinem endgültigen Zerfall entgegenstrebt.
Die Ruhe nach dem Sturm. In tiefem Frieden liegen die Ruinen inmitten der regungslosen Wildwiesen. Bereits die ersten Strahlen der Sonne, noch kaum erhoben über den Bergen im Osten, sind kühn und forsch und warm und dieser Tag wird heiß werden.
Eine anregende Ambivalenz zum Frieden der Landschaft markierend schallen Stimmen und Gelächter zum Dorf. Von der Straße her, von der anderen Seite des saftigen Hügels im Süden der Häuser, schlagen sich vier Gestalten eine Schneise durch die hüfthohe Vegetation. Sie erreichen die Ruinen, stehen im Dämmerlicht des kleinen Wohnhauses, legen ihre Handflächen an Mauern; voller Sehnsucht blicken sie zu den Bergen und zur Sonne. Sie finden einen verschütteten Brunnen hinter einem der Ställe, riechen an Holunderblüten und sie lachen. Ein junger Mann packt eine Decke aus, die vier Gestalten verschwinden zwischen den Grasähren und Blüten, dort, wo einmal eine kleine Straße in die Unordnung der Siedlung gemündet war. Vor ihnen Mauern, in deren Ritzen das Moos steht; hinter ihnen der Holunder und noch mehr Mauern, an allen Spalten nagt das Moos.
Sie spielen Karten, angeregt, ereifern sich manchmal, oft sind sie versunken in Konzentration. Eine Frau notiert nach jeder Runde Zahlen.
Sie spielen lange, zwei gegen zwei über Kreuz; die Sonne sinkt dem Atlantik entgegen, der auf der Landkarte nicht weit entfernt scheint und dem Dorf doch völlig unerreichbar vorkommen muss.
Die Schreiberin und ein weiterer junger Mann mit breitkrempigem Anglerhut klatschen sich ab; das Spiel endet.
Sie laufen durch das Dorf in Orange, eine letzte Runde, entdecken das Backhaus und den großen Ofen, stehen noch einmal am Brunnen.
Dann verschwinden sie.
Als sie oben am Hügel sind, wenden sie sich um.
In diesem Moment, als sie den Sonnenuntergang über dem Rio Miño am Horizont erblicken, wie er die Ruinen in ihrer ganzen Ursprünglichkeit, Verwegenheit, in ihrer tiefen Mystik erstrahlen lässt; da haben sie sich schon entschieden.
Eine weitere Nacht.
Ein weiteres Mal sind die Häuser bedeckt von Finsternis.
Die Einsamkeit ist zurück. Dieses Mal aber ist da noch etwas anderes.
Ein Monat vergeht und dann fast noch ein weiterer; für Ruinen keine relevante Kategorie. Der Sommer drückt aufs Land, die gelbe Pracht des Ginsters ist bereits verblüht.
Ein kleiner Lastwagen kämpft sich über den Hügel, der zwischen den Ruinen und der kleinen Landstraße liegt; jaulend, wenn einer der Reifen in einem Schlagloch verschwindet, kreischend, wenn der Unterboden auf großen Steinen aufsetzt. Durch Eichenwälder und an Kuhweiden fließt sie dahin, durchpasst Dörfer, die zum Teil mit ihrer Verwegenheit prahlen, sie zumindest stolz hochhalten. Der Laster kommt von weit her, vor der Landstraße von einer Nationalstraße, davor einer Autobahn und noch viel mehr Autobahnen zuvor; ganz zuerst aus einer mittleren Stadt in einem Land weit weg. Auf einem Globus aber: Wie weit ist das schon?
Der Lastwagen ruckelt langsam voran, bald darauf findet er Ruhe; zwischen den beiden großen Gebäuden, da wo einst die enge Straße war, dort wo vor kurzem vier junge Menschen ein Kartenspiel gespielt hatten.
Genau diese vier steigen jetzt aus. Der Holunder hat inzwischen seine Blüten eingetauscht gegen ein Heer aus kleinen Beeren; grün, das sich rot färbt. Die Gräser wuchern höher und sind etwas brauner, ein bisschen weniger lebendig; die Blumen haben Farben und Formen eingetauscht. Ansonsten ist es, als hätte dieser Ort still geschlafen und auf sie gewartet.
Wie bei ihrem ersten Besuch streifen sie auch dieses Mal wieder umher; Brunnen, Backhaus, Holunder. Zwischen zwei Stallungen finden sie ein gemauertes Podest, das ihnen zuvor nicht aufgefallen war. Daneben liegen gammelnde Balken und Bretter, umgriffen von Halmen und Blättern. Die vier waren viel unterwegs in Galicien; drei Monate des Suchens, drei Monate der freundlichen Begegnungen, Karneval in A Coruña, Wochen der steilen Küsten und schroffen Wellen, dann das Inland, Santiago de Compostela, all die Pilgerer, dann fast runter bis nach Ourense und schließlich entlang des Miño nach Norden. Bis hierher.
Es ist unmöglich, Galicien zu bereisen, ohne den Hórreos zu begegnen; längliche Kornspeicher; mit schmalen Luftöffnungen, um die Feldfrüchte in der feuchten Atlantikluft haltbar zu machen, aufgebockt, um Nagetiere fernzuhalten. Es gibt sie zwar auch in anderen Regionen Nordspaniens, Asturien, Navarra; die galicischen aber sind anders, nicht so fein und tropisch wie die asturischen, nicht so grobschlächtig wie die navarresischen; vielmehr bilden sie eine Einheit mit den nordportugiesischen Espigueiros; Galicien, das nicht portugisisch aber irgendwie auch nicht spanisch ist sondern beides, oder nichts davon und einfach es selbst.
„Den bauen wir wieder auf“, sagt einer der Männer, als die Gruppe vor den Überresten des Hórreos steht. In diesem Moment wird es ihnen das erste Mal wirklich klar, dass sie zurück im Norden Spaniens sind und dass das hier vor ihnen nicht nur die Überreste eines traditionellen Kornspeichers sind, sondern dass es ihre Überreste eines traditionellen Kornspeichers sind.
“Ich kann es vor mir sehen“, sagt die Frau.
“Dann sind wir richtige Galegos“ sagt ein anderer der Männer und sie lachen, denn sie wissen alle, dass sie dann keine richtigen Galegos sind, und sie alle baden in ihrem gemeinsamen Enthusiasmus und der Vorfreude und versuchen, die Angst vorm Scheitern oder großen Fehlern oder unüberwindbaren Problemen wegzuschieben.
Sie gehen zurück zum Lastwagen, laden einige Dinge aus, das meiste jedoch nicht. Dann beginnen sie, zwischen den Ruinen ein Zelt aufzubauen, zehn Meter Durchmesser, mehrere Kabinen. Sie werfen Steine ins Feld, rollen größere weg, dicke Wurzelballen von Gräsern fliegen durch das schwüle Flimmern. Irgendwann ist die Fläche eben. Mehr als zwei Stunden haben sie gebraucht, kaum wahrnehmbar zerronnen, viel zu aufregend ist es alles; schließlich steht eine hellbeige Kuppel inmitten des Dorfs ohne Namen. Der dünne Leinenstoff bildet in seiner materiellen Fragilität einen sprudeligen Kontrast zur Massivität der Mauern umher; dabei ist das Zelt neu und stabil und wird noch lange halten, während es die Mauern sind, die zerfallen.
Fröhlich erheben sie ihr Zelt zur “Kathedrale”; schnell wird diese eingerichtet, sporadisch zunächst. Dennoch entsteht eine dem Camping selten inhärente Gemütlichkeit und das Herz der Kathedrale ist ein Perserteppich in rot und grün; einer von ihnen muss an die Holunderbeeren denken und lächelt.
Anschließend spielen sie auf dem Perserteppich bis zum Abend ihr Spiel, zwei gegen zwei über Kreuz, aber diesmal ist die Aufteilung der Paarungen anders, und das Spiel heißt Tichu. Von Zeit zu Zeit blickt einer von ihnen aus einem Folienfenster des Zeltes hinaus auf das Land und jedes Mal schauern sie vor Seligkeit.
Am Abend zünden sie nicht weit des Hórreos ein Feuer an und sitzen im Kreis und wissen nicht was sie sprechen sollen, also genießt jeder für sich die Stille; durchbrochen nur vom knarzenden Feuer und der Geräuschkulisse einer Fauna, die ihren eigenen Logiken unterworfen ist und nie einen Grund hatte, diesem Ort zu entsagen. Dabei essen sie Nudeln, die sie vorher auf einem Campingkocher zubereitet haben, dazu Basilikumpesto und frischen Rucola, den sie am Morgen in einem Supermarkt in Lugo gekauft hatten.
„Wissen wir eigentlich, wie dieser Ort genannt wurde?“
Schweigen. „Nein”, sagt die Frau. „Ich glaube, das weiß fast niemand mehr.“
“Wir könnten es aber rausfinden.“
“Vielleicht.“ Sie blickt in den imposanten Nachthimmel und fragt sich, wie viele Sternschnuppen sie hier sehen wird, wie viele Wünsche; welche Wünsche, wo sie doch jetzt hier ist? „Oder wir entscheiden uns selbst für einen Namen. Ein neuer Name für eine neue Gelegenheit.“
Vier Blicke in den Flammen, vier in der Glut, vier Blicke im Rauch. Vier Blicke, acht Augen.
“Was ist ‚Anfang‘ auf Galego?“
Einer zieht sein Mobiltelefon hervor, silbrig-blauer Lichtschein auf sanftem Gesicht; „Der Anfang: ‚O Comezo‘.“ Das bläuliche Leuchten bricht nicht ab. „Es gibt in ganz Galicien keinen Ort, der so heißt. Lediglich eine Bar an der Nordküste.“
Die Frau holt vier Becher und füllt sie mit Rotwein.
“Auf O Comezo.“
“Auf O Comezo.“
“O Comezo.“
“Auf O Comezo.“
Die erste Nacht senkt sich über das Dorf im urwüchsigen Nordwesten Spaniens, die erste Nacht in O Comezo. Durch die Kathedrale fließt das Atmen vierer Lungen.
Die Ruinen bröseln auch in dieser Nacht weiter, eingeübt, seit so langer Zeit.
Dem gänzlichen Zerfall aber, dieser dem namenlosen Dorf so bekannten Drohung; ihm streben sie in O Comezo nun nicht mehr endgültig entgegen.
Birger Stepputtis, 2025/26
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